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Neue Zeitrechnung für die TV-Sender

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Warum dieser Sportrechte-Erwerb durch Google den TV-Markt massiv umkrempeln wird.




Bild: Keith Johnston


Ab 2023 sollen die Spiele der «National Football League» (NFL) kostenpflichtig auf YouTube zu sehen sein. Mit dem Kauf der Übertragungsrechte der amerikanischen Football-Liga hat der Technologiekonzern Google eine neue Zeitrechnung für die TV-Sender eingeläutet. Es ist weit nicht das erste Mal, dass die grossen internationalen Technologiekonzerne wie Google, Meta, Apple oder Amazon für die exklusive Übertragung von Inhalten Rechte erwerben. Doch mit diesem 14-Milliarden-Deal stellt Google alles bisherige in den Schatten. Und auch wenn im Vordergrund dieses Sportrechte-Erwerbs die kommerziellen Erlöspotenziale stehen, ist es indirekt doch auch eine klare Kampfansage an sämtliche klassischen TV-Sender und Kabelunternehmen mit Digital-TV-Angeboten, die bis anhin diese lukrativen Rechte unter sich ausmachten. Und dass letztere mit Blick auf die finanziellen Potenz dieser Technologiekonzerne das Nachsehen haben werden, ist wohl allen klar.


Wer für TV-Sender arbeitet weiss, wie wichtig die grossen Sport- und Unterhaltungsangebote für den Erfolg bei Publikum und Werbetreibenden sind. Sie dienen als «Leuchttürme» und Motiv, überhaupt erst das Angebot einer bestimmten Medienmarke einzuschalten, respektive zu besuchen. In der Fachsprache werden diese Angebote auch als sogenannter «Reason to come» bezeichnet. Im besten Fall nutzen die Medienkonsumenten dann weitere Angebote des gleichen Anbieters, was als erwünschte «Conversion» bezeichnet wird. Fehlen diese Leuchttürme, wird es für die TV-Sender schwierig, im Alltag der Medienkonsumenten genügend Relevanz zu finden. Zwar können auch Nachrichten zu relevanten Ereignissen, wie beispielsweise zur Corona-Pandemie, als Leuchttürme funktionieren, sie sind aufgrund der fehlenden Planbarkeit aber weitaus zufälliger. Zudem ziehen grosse Sport- und Unterhaltungsangebote viele junge Medienkonsumenten an, die sonst nur schwierig zu erreichen sind. Das ist sowohl im Sinne der grossen kommerziellen Technologieunternehmen, als auch der jeweiligen Sportligen, die damit ihre Zukunft sichern wollen. Bleibt also abzuwarten, wie lange die klassischen TV-Sender für Übertragungsrechte global bedeutender Sport- und Unterhaltungs-Events noch mitbieten werden können.


Der NFL-Rechteerwerb durch Google hat für den Medienmarkt aber noch eine ganz andere Bedeutung. Lange Zeit konnten sich die grossen Technologie-Plattformen wie Google oder Meta nämlich aus der Verantwortung nehmen, wenn es um die Inhalte ging, die auf ihren eigenen Plattformen hochgeladen, aggregiert und konsumiert worden sind. Die Argumentation war sinngemäss immer die gleiche: 'Wir sind «nur» eine technologische Plattform, welche die bestehende Inhalte im Netz bedürfnisorientiert zu den interessierten Nutzenden bringt. Wir produzieren die Inhalte nicht selbst und sind deshalb für deren Qualität auch nicht verantwortlich.' Im Grundsatz ist diese Argumentation nicht falsch, denn das Geschäftsmodell der Plattformen wie Google Search, YouTube, Facebook oder Instagram basiert hauptsächlich auf der Nutzung von Netzwerkeffekten. Nur begünstigen die Plattformen alleine durch deren Existenz und vor allem durch die Möglichkeit, dass jede Person selbst Inhalte hochladen und teilen kann, den Missbrauch und können sich dem Verdacht der «Beihilfe» damit nicht ganz entziehen.


In den letzten Jahren ist deshalb der politische Druck auf die grossen Technologieplattformen gestiegen. Seit 2022 gelten in der EU auch die beiden neuen Plattformgesetze «Digital Markets Act» und «Digital Services Act», welche die Technologiekonzerne bezüglich illegaler Inhalte, «Fake-News» und Transparenz der Algorithmen stärker in die Pflicht nehmen sollen. Fairerweise muss hier angemerkt werden, dass die Plattformen aus Eigeninteresse bereits seit vielen Jahren selbst einigen Aufwand für eine bessere Qualität ihrer Inhalte unternehmen und heikle Inhalte von sich aus entfernen oder gar ganze Nutzergruppen sperren. Das wohl prominenteste Beispiel war der US-Präsident Donald Trump, der vom Nachrichtendienst Twitter aufgrund Verbreitung von Falschnachrichten gesperrt worden ist. Dieses Beispiel illustriert aber gleichzeitig eben auch die Marktmacht, welche die grossen Technologiekonzerne inzwischen eingenommen haben. Und solange die Plattformen nicht stärker reguliert werden können, bleiben sie eine Gefahr für ganz viele kleine Märkte und Geschäftsfelder. Insbesondere dann, wenn sie nicht «nur» bestehende Inhalte aggregieren und verbreiten, sondern aus kommerziellen Interessen eigene Inhalte anbieten, respektive die exklusiven Rechte für deren Verbreitung erworben haben.

Warum die reine Rolle als Plattformanbieter auch seine Vorteile hat

Eric Schmidt, Verwaltungsratspräsident von Alphabet Inc. (Mutterkonzern von Google), nannte es einmal einer der grössten «Fehler» in der Firmengeschichte, dass Google die reine Plattform-Funktion verlassen und zugunsten der Suizid-Prävention den Algorithmus der eigenen Google-Suchmaschine «künstlich» angepasst hatte. Zur kurzen Erklärung: Durch die Anpassung des Suchalgorithmus kommen bei der Suchanfrage zum Begriff «Suizid» seither keine tragischen Todesnachrichten mehr auf den ersten Plätzen, sondern eine entsprechend präventive «Helpline». Das mag auf den ersten Blick durchaus lobenswert sein. Doch seit diesem Zeitpunkt werde Google von zahlreichen Interessensgruppen und Staaten dazu gedrängt, den Algorithmus zugunsten der jeweiligen Werte- und Moral-Vorstellungen oder zugunsten anderer Motive anzupassen. Durch die unglaubliche Marktmacht gerate Google damit ungewollt leicht in die Rolle einer globalen "Richterin" über Gut und Böse, was definitiv nicht die Aufgabe eines kommerziell orientierten Technologiekonzerns sein kann.


Lesen Sie dazu auch folgenden Beitrag der NZZ: 14 Milliarden Dollar für Streaming-Rechte


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Text: David Elsasser

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Publikation nur mit Genehmigung und Nennung des Autors und der Unternehmung ReMindset. Sämtliche Aussagen in diesem Beitrag basieren auf der persönlichen Meinung und

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