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Flaschenhals Mobiltelefon

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Warum es in der digitalen Welt für viele Unternehmen sehr eng wird und was sie dagegen tun können.


Bild: Tyler Lastovich


Die Zukunft der Märkte ist digital. Doch entgegen der verbreiteten Meinung, das Internet sei die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten, sind die digitalen Märkte um ein Vielfaches härter umkämpft, als die uns bisher bekannten «analogen» Märkte. Das liegt einerseits daran, dass in einer digitalen Welt der Marktplatz immer auch ein globaler ist und andererseits die digitale Welt den Markteintritt für viele neue Unternehmen viel einfacher macht. Insbesondere dann, wenn deren Geschäftsmodelle auf einer reinen Plattformlogik basieren und bestehende Inhalte aus dem Netz einfach mit bestehenden Konsumenten neu zusammenführen und aus den Netzwerkeffekten neue Umsätze erzielen. Google hat uns dies vorgemacht. Diese Herausforderung hat auch einen Namen: «Plattformökonomie».


Um die Herausforderungen der digitalen Märkte für viele nationale und regionale Unternehmen zu verstehen, reicht ein Blick auf die Mobiltelefone der unter 30-Jährigen. Wie viele Apps finden sich dort beispielsweise von Schweizer Medienunternehmen, die wirklich regelmässig genutzt werden? Höchstens eine, wenn überhaupt. Unsere Mobiltelefone sind unser Haupteingangstor ins Internet und Marktplatz digitaler Dienstleistungen, sogenannte Apps, die zunehmend unser Leben bestimmen. Banken, Fluggesellschaften, Detailhandel, Suchmaschinen, Fahrpläne, soziale Medien, Kalender, Fotoalben und Wetterprognosen, sie alle buhlen um die prominenten Plätze und machen das Mobiltelefon zu dem, was es heute ist: unser täglicher Begleiter. Alle 11 Minuten (!) schauen wir auf unser Mobiltelefon, insgesamt sind dies ganze 5 Stunden pro Tag (Quelle: HealthyHabits). Kein Wunder, sind die wenigen Plätze auf der Startseite unserer Mobiltelefone heiss begehrt. Denn nur wer es auf die Startseite schafft, ist im Alltag der Nutzenden auch relevant. Und das ist erfolgskritisch, denn es lässt sich damit sehr viel Geld verdienen.


Alleine in der Schweiz werden mit dem Onlinehandel pro Jahr CHF 14 Mia. (Quelle: GfK) und mit Online-Werbung CHF 2 Mia. umgesetzt. Das Rennen macht, wer mit Angebot und Benutzerfreundlichkeit überzeugen kann. Deshalb wird auch viel Geld in die Entwicklung dieser Apps investiert. Auf den ersten Plätzen stehen die grossen globalen Technologieunternehmen. Es gilt, wer einmal eine hochwertige Plattform entwickelt hat, kann diese leicht auf andere Länder adaptieren, Plattformen wie AirBnB oder Booking haben es uns vorgemacht. Und wer es schafft, die Angebote anderer Anbieter auf seiner eigenen Plattform zu vereinen, macht seine Plattform noch relevanter und die anderen überflüssig. Und diese Vormachtstellung lohnt sich, denn wer den direkten Zugang zu den Nutzenden inne hat, bestimmt das Angebot und die Konditionen und kriegt die wertvollen Kundendaten. Kampf der «Gatekeeper» wird dies von Fachexperten genannt.

Auf diesen globalen Wettbewerb um die Gunst der Aufmerksamkeit waren die meisten traditionellen Unternehmen schlicht nicht vorbereitet. Es fehlen ihnen die Mittel und das Know-how, um nebst den vielen, vor allem internationalen Plattformen bestehen zu können. Doch wer als Unternehmen im «relevant Set» der Konsumenten nicht mehr stattfindet, findet den Zugang zu ihnen, wenn überhaupt, nur noch über Drittplattformen, begibt sich damit in eine ungleiche und unheilige Abhängigkeit und verliert die Hoheit über die Angebotsgestaltung, über die Kommerzialisierung, über die Kundendaten und letztendlich die Relevanz und Grundlage für sein Geschäftsmodell. Die angeblich «freie Marktwirtschaft» gibt es in der digitalen Welt nicht mehr. Im Gegenteil, im digitalen Wettbewerb treffen äusserst ungleiche Kräfte aufeinander. Die Dominanz der globalen Technologiekonzerne ist erdrückend. Und auf eine rasche politische Beihilfe zu hoffen, wäre sehr naiv.


Gibt es Licht am Horizont? Durchaus, in dem die Medienunternehmen das gleiche tun, was die grossen Plattformen erfolgreich gemacht hat: Durch die Bündelung von Inhalten die eigene Relevanz in der Verbreitung stärken. Dies erfordert jedoch mehr unternehmerische Offenheit für strategische Kooperationen und visionäre Lösungen. In der Schweiz sind wir davon aber noch weit entfernt, noch zu tief scheint der Leidensdruck. Dabei wären solche strategischen Kooperationen zur Stärkung der Verhandlungsmacht aus dem Einkauf schon längst gelernt. Für «systemrelevante Angebote», respektive für deren digitalen Plattformen und Apps, wäre zudem denkbar, auf politischem Weg eine Vorinstallierung auf den in der Schweiz verkauften Mobilgeräten zugunsten einer höheren Aufmerksamkeit oder eine prominente «Durchleitung» zu erwirken, so wie wir dies beispielsweise vom Digitalfernsehen her mit der «Must Carry Rule» kennen.



Für Medienleute ist dazu auch folgender wissenschaftlicher Beitrag empfehlenswert: Spotify für Journalismus


Lesen Sie hier mehr zum Thema: Plattformstrategie


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Text: David Elsasser

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Publikation nur mit Genehmigung und Nennung des Autors und der Unternehmung ReMindset. Sämtliche Aussagen in diesem Beitrag basieren auf der persönlichen Meinung und

Einschätzung des Autors und sind nicht an die Interessen früherer und bestehender Geschäfts- und Arbeitsbeziehungen oder an politische Interessen gekoppelt.



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